Warum Objektifizierung von Frauen gefährlich ist

Objektifizierung und Sexismus in der Werbung sind kein neues Phänomen. Traurig eigentlich, oder? Seit Jahren wird darüber gesprochen und darauf aufmerksam gemacht, unter anderem von Initiativen wie Pink Stinks. Und trotzdem existiert sie immer noch.

Tweet von User @Pertsch zum Thema sexistische Werbung, 10.03.2018
Tweet von User @Pertsch zum Thema sexistische Werbung, 10.03.2018

Der Grund, warum ich jedoch nun auf dieses Thema aufsteige ist ein Artikel von Jane Gilmore auf The Sydney Morning Herald. Dieser Artikel behandelt eine australische Studie zu aggressivem Verhalten von Männern gegenüber objektifizierten Frauen. Mein Blogbeitrag basiert zum Großteil auf Gilmores Artikel.

[green_box]Ich beziehe mich in diesem Blogbeitrag auf den Artikel von Gilmore und die darin behandelte Studie. Beide beziehen sich auf sexualisierte Frauen und die Reaktionen bzw. das Verhalten heterosexueller Männer. Mein Ziel ist nicht, alle (heterosexuellen) Männer zu verurteilen, sondern auf das grundsätzliche Problem aufmerksam zu machen also auf die Objektifizierung von Frauen und das daraus resultierende, aggressive Verhalten von Männern . Ich bitte davon abzusehen, mir in den Kommentaren mitzuteilen, dass auch Männer in der Werbung sexualisiert werden. Das weiß ich, ist aber nicht Thema dieses Artikels.[/green_box]

Sexualisierung vs Objektifizierung: Wo liegt der Unterschied?

Sexy ist nicht gleich sexistisch und Sexualisierung ist nicht automatisch schlecht oder schlimm. Nein, Sexualisierung meint erst einmal lediglich die Fokussierung auf bzw. die Hervorhebung der Sexualität. Nackte Haut an sich ist weder im Alltag noch in der Werbung von Grund auf schlecht oder schlimm. Der springende Punkt ist der Respekt gegenüber der Frau – und der fehlt in der Werbung häufig, weil die sexualisierte Frau nicht zum beworbenen Produkt passt. Werbung für Unterwäsche ist, wenn Frauen respektvoll dargestellt werden, nicht sexistisch. Aber Pizza, Möbel oder einen Tierfutterladen mit sexualisierten Frauen zu bewerben – das ist sexistisch, das ist Objektifizierung und das ist erniedrigend und respektlos gegenüber Frauen. Die Kampagne „Sexy Yes, Sexism No“ von Pink Stinks bringt das auch nochmal ganz gut auf den Punkt.

Nicht nur in der Werbung, sondern auch im Alltag begegnen wir Sexualisierung. Dabei sexualisieren Frauen sich oft auch selbst – und das aus den verschiedensten Gründen. Manchmal, um die Aufmerksamkeit anderer Menschen zu erregen, aber ebenso häufig, einfach aus Spaß und weil sie sich selbst gut dabei fühlen. Herrin der eigenen Sexualität zu sein kann einer Frau außerdem ein mächtiges Gefühl geben, es kann ein Ausdruck von Empowerment sein. Es ist etwas, das Frauen wählen (können), anstatt es sich auferlegen zu lassen. Denn, wie gesagt, es gilt: Sexualisierung ist nicht das Problem. Objektifizierung ist das Problem.

Jane Gilmore unterscheidet dabei in ihrem Artikel zwischen sexual desire und sexual objectification. Sexuelles Verlangen (desire) und sexuelle Objektifizieren (objectification) sind zwei sehr verschiedene Dinge. Verlangen verspürt man gegenüber einer bestimmten Person, und diese Person wird durch das Verlangen als deutlich menschlicher, persönlicher wahrgenommen. Objektifizierung ist das Gegenteil davon: sie entmenschlicht. Eine objektifizierte Frau ist nichts als eine Ansammlung von Körperteilen, austauschbar durch jede andere objektifizierte Frau. Sie existiert nur, um die Aufmerksamkeit von Männern zu erzielen.

Objektifizierung von Frauen, foto von Mike Dorner
Quelle: Mike Dorner on Unsplash

Studie: Männliche Aggression gegenüber sexualisierten Frauen

Sowohl Männer, als auch Frauen fühlen laut Gilmore weniger Empathie für sexuell objektifizierte Frauen. Sie werden als weniger moralisch wahrgenommen. Menschen nehmen weniger Anteil, wenn diesen Frauen Schaden zugefügt wird, Gewalt ihnen gegenüber wird seltener gemeldet. Sie sind besonders häufig Opfer von Victim Blaming, ihnen wird häufig die Schuld oder eine Mitschuld an der Gewalt gegeben.

Die angesprochene Studie wurde von Psychologen der Universitäten Melbourne und Sydney durchgeführt und behandelte zwei Fragestellungen:

  1. Offenbart die Aktivierung von sexuellen Zielen bei Männern die Beziehung zwischen Sexualisierung und aggressivem Verhalten nach romantischer Zurückweisung?
  2. Steigert aggressives Verhalten gegenüber Frauen nach einer romantischen Zurückweisung die männlichen Gefühle sexueller Dominanz?

In diesem Experiment wurden 157 junge Männer von sexualisierten oder nicht-sexualisierten Frauen zurückgewiesen. Danach bekamen sie die Chance, die Frauen mit lauten Salven weißen Rauschens zu bestrafen („loud bursts of white noise“). Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit von aggressivem Verhalten gegenüber Frauen steigt, wenn Frauen sexuell objektifiziert werden.

“Because sexualised women are presumed to be more interested in having sex, rejection by a sexualised woman constitutes a greater ego threat than rejection by a non-sexualised woman”

Während Frauen damit spiegeln, Sexiness auf verschiedene Arten auszudrücken und auszuleben, reagieren die meisten Männer laut Gilmore auf die gleiche Weise: Sie nehmen (fälschlicherweise) an, dass jede Frau, die Sexualität zur Schau stellt, auch für Sex zur Verfügung steht. Die Studie sagt dazu: Weil von sexualisierten Frauen angenommen wird, dass sie eher an Sex interessiert sind, stellt eine Zurückweisung eine größere Bedrohung für das männliche Ego dar als von nicht-sexualisierten Frauen.

Die Kombination aus beschädigtem Ego und der entmenschlichten Frau machen aggressives Verhalten laut Studie wahrscheinlicher. Eine objektifizierte Frau ist in der Logik vieler Männer ein Ding und Sex mit ihr ist ein Anspruch, ein Recht, das die Frau keinem Mann verweigern darf, der es fordert. Männer reagieren aggressiv und manchmal gewalttätig auf sexualisierte Frauen, von denen sie abgelehnt werden.

Dieses Experiment bezog sich auf bestimmte Frauen, die mit einzelnen Männern interagierten. Wenn man aber den logischen Schritt geht vom Einzelnen zum Gesamtgesellschaftlichen, was passiert dann, wenn Frauen objektifiziert werden?

Objektifizierung in der Werbung ist allgegenwärtig

Objektifizierung von Frauen in der Werbung, Foto von Ian Dooley
Quelle: ian dooley on Unsplash

Jean Kilbourne, die für MediaLit schreibt, sagt, dass jeder von uns jeden Tag über 2000 Werbungen zu Gesicht bekommt. Wird eine 100 Milliarden Dollar Industrie so zum mächtigsten Bildungsinstrument der Gesellschaft?

Eine Studie des Geena Davis Institute zeigt einen deutlichen Unterschied darin, wie Männer und Frauen in der Werbung wahrgenommen werden. Männer repräsentieren häufiger Intelligenz, haben einen Job, sind lustig und älter als zwanzig. Frauen sind sechs Mal häufiger als Männer in sexuell freizügigen Outfits zu sehen. (Dies bezieht sich auf die USA und ich nehme an dieser Stelle an, dass Daten für Deutschland/Westeuropa ähnlich aussehen.) Da ich nicht weiß, ob es rechtlich unbedenklich ist, Werbeanzeigen hier einzubinden, verweise ich auf die Negativbeispiele bei Pink Stinks.

Jane Gilmore stellt die berechtigte Fragen, wie viele Frauen wir kennen, die so aussehen wie die in der Werbung? Die Antwort ist: keine, denn sogar die Frauen selbst sehen ja in Wirklichkeit nicht so aus. Aber die Bilder sind überall: sexualisiert, passiv, objektifiziert. Erniedrigend und unausweichlich.

Dann macht Gilmore noch auf die Frauen aufmerksam, die wir selten bis gar nicht sehen. Lesbische Frauen. Trans-Frauen. Frauen mit Behinderung. Alte Frauen. Arbeitende Frauen. Schwarze Frauen. Asiatische Frauen. Dicke Frauen. Sie haben in der Werbung keine Repräsentation – warum nicht? Weil sie nicht in das Narrativ des Frauseins der alten, weißen Männer passen. Sie werden dadurch entmenschlicht, dass sie im öffentlichen Bild quasi nicht existieren.

Ich möchte den Schluss dieses Blogbeitrags gerne von Jane Gilmore übernehmen, weil er so treffend ist:

Feministinnen bemängeln die Objektifizierung von Frauen nicht, weil sie die behaarte Spaßpolizei gegen Freude und Freiheit sind. Nein, sie tun es, weil diese Bilder Frauen entmenschlichen und weil sie Männer gefährlicher machen. Und wenn wir das schon nicht stoppen können, dann können wir wenigstens darüber reden.

Ich bin gespannt auf eure Meinung und eure Eindrücke zu dem Thema. Kennt ihr weitere spannende Artikel und Studien?


Interessant zum Weiterlesen:


Beitragsbild by ian dooley on Unsplash

 

5 Gedanken zu „Warum Objektifizierung von Frauen gefährlich ist

  1. Danke, danke, danke für einen so wichtigen und guten und Hand-und-Fuß-habenden Artikel. ♥ Immer wieder eine Freude, sich auf deinen Blog zu verirren.

  2. Aloha, Katie.
    Werbung per se ödet mich an, weswegen ich sie so gut als möglich aus meinem Alltag filtere oder schlicht ignoriere. Filmtrailer dabei, die große Ausnahme. Ich käme also bereits von den Vorausetzungen her nicht auf den Trichter, mir eine Pizza zu ordern, weil eine Frau ihre Blöße mit Tulpen bedeckt.

    Abgesehen davon sollte ein Gentleman, selbst beim Anblick einer nackten Frau, nie seine guten Manieren & den Respekt ihr gegenüber ablegen.

    Einen Korb verabreicht zu bekommen ist ein zu akzeptierendes Resultat; „Nein“ ist eine einfache Entscheidung. Und „Ansprüche“ auf Willfährigkeit/steter Verfügbarkeit sind lediglich erbärmlichen Männerphantasien & Machtallüren geschuldet.

    bonté

  3. […] setzt sich für gleiche Rechte und weniger Sexualisierung und Objektifizierung ein. Warum vor allem Objektifizierung von Frauen gefährlich ist, erzählt uns […]

  4. […] My Dear schreibt diesen Monat darüber „Warum Objektifizierung von Frauen gefährlich ist“ und liefert damit einen wundervollen und sehr wichtigen Artikel ab, der Sexismus in der […]

  5. […] ihrem Beitrag „Warum Objektifizierung von Frauen gefährlich ist“ erläutert Katie von Frankly my dear, dass die Darstellung von Frauen als Objekte durchaus […]

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